Serie Bild 18: der coolste Raucher der Welt!

Ich bin überhaupt kein Freund des Rauchens…aber Vasilij war einfach Wahnsinn. Das Bild entstand im August 2011 auf der abgelegenen Taimyr Halbinsel im hohen Norden Sibiriens. Bis auf die höhe von Spitzbergen schiebt sich die Halbinsel in das nördliche Polarmeer und ist damit der nördlichste kontinentale Festlandteil der Erde. Keine Straße führt hier hinauf….Taimyr ist wahrscheinlich eine der abgelegensten Regionen auf der nördlichen Halbkugel. Ich wollte dort oben die Dolganen, ein Volk von Rentiernomaden fotografieren. Zum Glück arbeitete ich damals für die Umweltschutzorganisation Greenpeace, ohnen deren Unterstützung wäre diese Expedition niemals zustande gekommen.

Also…im August 2011 machte ich mich auf nach Moskau und traff mich dort mit meinem Guide und Freund Andrey von Greenpeace Russland. Ohne einen Guide, der die Sprache kann und sich mit den Gepflogenheiten vor Ort auskennt, hat man in Sibirien (wahrscheinlich in ganz Russland) keine Chance. Von Moskau ging es nach Krasnojarsk und von dort weiter nach Chatanga. Chatanga hat knapp 2700 Einwohner und ist das Zentrum der Taimyr Halbinsel. Von dort aus wollten wir die weitere Reise zu den Dolganen organisieren. Die ersten vier Tage in Chatanga passierte gar nichts. Wir versuchten verzweifelt einen Guide zu finden, der uns in die Tundra bringt. Wir hatten schon fast jede Hoffnung aufgegeben, dann traffen wir Alexey. Alexey lebt seit seiner Geburt in Chatanga und kennt die Gegend und vor allem die Menschen wie seine Westentasche. Ein unglaublicher Glücksfall. Er bot uns an, uns zu den Dolganen zu bringen. Es ist wahnsinnig schwierig, die Rentiernomaden zu finden. Sie ziehen durch die Tundra und sind nur selten für längere Zeit an einem Ort. Es ist die berühmte Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Jetzt zahlten sich die guten Verbindungen Alexeys aus. Er schaffte es tatsächlich, Verbindung zu einer Gruppe in der Tundra aufzunehmen. Vor uns lagen weiter vier Tage Anreise. Zuerst ging es mit einem Schnellboot zwei Tage den Fluss Chatanga hinauf bis zu einem winzig kleinen „Dolganen“ Dorf mitten im Nichts. Dort verbrachten wir wieder zwei Tage mit warten (ich schlief unter dem Küchentisch in einem Haus mit mindestens 10 weiteren Personen….puh). Dann setzten wir uns in ein kleines, motorgetriebenes Schlauchboot und fuhren noch mal knapp 6 Stunden flussaufwärts. Irgendwann stoppte das Boot und wir stiegen aus. Ich dachte mir „…und jetzt?“. Weit und breit war nichts zu sehen. Nur flache eintönige Tundra. Es war heiß, die Moskitos begannen uns im wahrsten Sinne des Wortes aufzufressen. Geht mal zwei Stunden diesen Bach entlang, empfahl unser Guide, dann werdet ihr auf das Lager stoßen. Mit einem mulmigen Gefühl gingen Andrey und ich los. Was wenn die Jungs und Mädels schon weitergezogen waren? Wir wanderten also los….und erreichten tatsächlich nach knapp zwei Stunden Fußmarsch das kleine Lager der Rentiernomaden. Sogleich wurden wir empfangen….und wie. Alle Familien wollten uns gleichzeitig in ihre Hütte einladen. Die Gastfreundschaft war wirklich überwältigend. Ich begann natürlich sofort zu fotografieren. So eine Möglichkeit bekomme ich nie wieder, wirklich nie wieder. Es war wie im Traum. Die ganze mühselige Anreise war sofort vergessen. Die Dolganen leben hier am Ende der Welt, vollkommen weg von irgendwelcher Zivilisation, komplett autark. Sie folgen ihren Rentieren durch die Tundra, sind selten länger als zwei bis drei Tage am selben Ort. Während meines Ethnologiestudiums habe ich jahrelang über die Dolganen gelesen und jetzt war ich wirklich dort, live, konnte alles hautnah erleben. Unglaublich! Wir schliefen zu fünft in einer „Hütte“ auf den Boden auf dicken Rentierfellen…! Ich versuchte wirklich so viel wie möglich zu knipsen…was meine Gastgeber irgendwie verwunderte. Sie fragen Andrey, ober der immer so hippelig sei…was dieser (leider) nur bestätigen konnten.

Wir verbrachten sieben Tage bei den Dolganen und wurden zum Glück auch Zeugen davon, wie die Dolganen ihr kleines Dorf verlagerten. Ihre kleinen Hütten stehen auf Kufen. Wenn also die Zeit für einen Standortwechsel gekommen war, dann wurden einfach die Seiten der Hütten nach oben geklappt, alles ein wenig fest gezurrt und die Rentiere vor die Hütten gespannt und auf ging`s über die Tundra. Die Rentiere zogen die Hütten….was für ein Bild. Das Lustige war, dass die Dolganen auf ihren Rentieren reiten wie wir auf Pferden. Sowas habe ich z. B. bei den Sami im hohen Norden Skandinaviens nie gesehen. Der coolste war Vasilij. Er hatte immer eine Zigarette im Mund…ununterbrochen (wie ca 99 % aller Russen). Er ritt vorne weg und zeigte den Weg. Es war einfach nur unglaublich. Ich muss mich heute noch oft kneifen, ob das wirklich alles wahr war? Nach sieben Tagen bei den Dolganen traten wir unsere Rückreise an: Wieder zwei Stunden Fußmarsch, sechs Stunden Schlauchboot fahren, zwei Tage warten im Dorf, zwei Tage mit den Motoboot zurück nach Chatanga. Dort sollten wir eigentlich in unser Flugzeug nach Krasnojarks steigen….es war leider kaputt. So wurde es uns zumindest gesagt. Uns wurde mitgeteilt, dass das Flugzeug erst wieder funktioniere, wenn wir ein paar tausend Rubel zahlten….was wir zähneknirschend taten. Interessanterweise funktionierte die Maschine plötzlich innerhalb weniger Stunden….Reisen in Russland. Zurück ging es dann ohne Komplikationen….ohne Sicherheitsgurte, das Gepäck kreuz und quer in der Maschine verteilt…ein Traum! Es war das größte Abenteuer meines Lebens!

Das Leben ist schön!

Bleibt`s gsund!

Bernd Römmelt im April 2020!