Serie Bild 9: In einer anderen Welt!

Im März 2010 reiste ich nach Qaanaaq im äußersten Norden Grönlands. Qaanaaq ist eine der nördlichsten Siedlungen der Erde. Der Ort wurde im Jahr 1953 gegründet, als die Bewohner des Ortes Uummannaq dort dem amerikanischen Militär (Thule Air Base) weichen mussten und nach Qaanaaq (zwangs) umgesiedelt wurden. Die sage und schreibe 600 Einwohner leben heute noch überwiegend von der Jagd (und zunehmend vom Tourismus). Was mich bis heute besonders fasziniert, ist das dort oben keine Schneemobile erlaubt sind. Wer im Winter raus auf`s Packeis will, um z. B. auf die Jagd zu gehen, der muss das mit dem Hundeschlitten tun. Wie in längst vergangenen Tagen.

Ich erreichte den Ort am 6. März. 2010 Die Anreise war abenteuerlich. Zwei ganze Tage brauchte ich hinauf….unzählige Stopps in den kleinsten Inuit Dörfern rüttelten meinen  Magen gehörig durch…landen, starten, landen, starten….  Als ich dann endlich in Qaanaaq ankam, herrschte Prachtwetter: Wolkenloser Himmel und knapp – 30 Grad. Ich wurde von Hans Jensen dem Eigentümer des legendären Hotel Qaanaaq abgeholt (Er trug übrigens Pantoffeln….(hinten offen)). Hans brachte mich in sein winzig kleines Hotel. Ich war der einzige Gast….traumhafte Bedingungen also. Ich fühlte mich sofort wohl. Vom Hotel hat man einen schönen Blick über das kleine Dorf auf den (zugefrorenen) Fjord. Im kleinen Aufenthaltsraum gab es Frühtsück und Abendessen. Hans fragte mich, warum ich hier rauf komme. Ich antwortete: keine Ahnung, ich wollte schon immer mal hier her. Landschaften fotografieren, einheimische Jäger fotografieren…und, und, und“. Hans gefiel meine totale Planlosigkeit sofort. Schon am ersten Abend ging ich raus auf`s Packeis, um dort im schönsten Winterlicht Eisschollen zu fotografieren. Es war gigantisch. Man bekommt hier sowohl Eisberge kalbender Glestscher (gefrorenes Süßwasser) als auch Packeis (gefrorenes Salzwasser) vor die Linse. Ich wackelte jeden Tag früh morgens raus auf`s Packeis und kam Abends wieder zurück. Hans hatte mich vom Hotel immer im Blick. Wie er mir am Schluss meiner Reise anvertraute, beobachtete er mich immer wieder mit seinem Fernglas, damit ich draussen auf dem zugefrorenen Meer nicht verloren gehe.

Nach fünf Tagen und gefühlt zehntausend fotografierten Eisschollen, fragte ich Hans, ob er jemanden kenne, der mich mal mit seinem Hundeschlitten mitnimmt. Er überlegte etwa zwei Sekunden und meinte dann, dass sein Nachbar Mads Ole Kristiansen gerade von der Walroßjagd zurück sei und sicherlich Zeit hätte. Und so war`s. Kurz darauf saß ich bei Mads Ole in der Küche und wir verabredeten uns zu einem kurzen Jagdtripp am nächsten Tag. Am frühen Morgen ging ich zu ihm rüber, dick eingepackt in meine wärmste Funktionskleidung. Mads lachte und meinte, so kommst Du mir nicht mit. Meine Klamottem würden nichts taugen. Ich müsse seine Klamotten anziehen. Das waren: Anorak und Stiefel aus Seehundfell, Hose aus Eisbärenfell. Puh. Also verkleidete ich mich als Inuit und auf ging`s. Es war Wahnsinn. Ich habe noch nie derart warme Klamotten am Körper getragen, das einzige Köperteil, das fror war meine Nase. Wir fuhren raus auf`s Packeis. Mads „steuerte“ seine Hunde mit der Peitsche. Was für uns ein wenig befremdlich sein mag, ist für die Inuit Normalität. Hunde sind Arbeitstiere, nicht mehr aber auch nicht weniger. Wir kamen gut voran, der Schlitten glitt perfekt über den Schnee. Was mir ein wenig Sorgen machte, war das Temperament von Mads. Ständig wirbelte er seine Peitsche durch die Luft….und irgendwann hatte ich sie im Auge. Sofort war das rechte Auge dick zugeschwollen. Mads schaute mich kurz an und meinte wir sollten zurück, um die Verletzung von einem Arzt in Qaanaaq anschauen zu lassen. Ich war anfangs recht widerwillig. Als ich jedoch überhaupt nichts mehr sah, willigte ich ein. Wir waren ca. 3 Stunden von Qaanaaq entfernt. Immer wieder passierten wir unglaubliche, im Eis fest gefrorene Eisberge. Ich sprang ständig vom Schlitten und fotografierte. Eis, Schlitten, Eis, Schlitten…und das alles bei fantastischen Licht. Das Bild oben entstand genau an so einem Eisberg. Ich mag das Bild sehr gerne. Zum einen natürlich, weil es eine hocharktische Landschaft zeigt. Zum anderen, weil es wie aus der Zeit gefallen wirkt. Nichts deutet auf die Gegenwart, die Neuzeit hin. Das Bild hätte so (oder so ähnlich) auch vor hundert Jahren aufgenommen sein können.

Am Abend kamen wir zurück nach Qaanaaq….ich ging ins kleine Krankenhaus. Dort schaute mir eine Hebamme (!!) tief ins rechts Auge…und meinte…ah, da passt alles. Beruhigend!!!

Achso…ich bin beim fotografieren zum Glück „Linksschauer“…das rechte Auge brauche ich nur……ah keine Ahnung für was!

Das Lebens ist schön!!

Bleibt`s gsund!

Bernd Römmelt im März 2020!