Serie Bild 14: An der Eiskante!

Das Bild entstand im Juni 2010 irgendwo auf dem Packeis nahe Pond Inlet auf Baffin Island, Kanada. Zusammen mit meinen beiden Kollegen Florian Schulz und John E. Marriott verbrachte ich eine Woche an einem ganz besonderen Platz….an der Eiskante. Wenn im frühen Sommer (meist im Juni) die Temperaturen steigen, beginnt das Packeis zu schmelzen. Das Eis weicht so langsam dem offenen Wasser. Dort, wo das Eis auf bereits offenes Wasser stößt, liegt diese legendäre Eiskante…und genau dort, direkt an der Kante, schlugen wir unsere Zelte auf. Dieser spezielle Platz ist ein wahrer „Platz des Lebens“. Viele Tiere der Hocharktis sammeln sich dort im Frühsommer. Der Ice Floe Edge ist eine Art  „Fressoase“, ein „Restaurant“ in der Eiswüste. Wenn das Eis aufbricht und das intensive Sonnenlicht auf das Wasser trifft, kommt eine Fotosynthese zum laufen, die wiederrum viele Mikroorganismen in Gang setzt. Eine ganzer Nahrungskettenkreislauf wird angeworfen, der immer mehr Tiere an die Eiskante lockt.

Wir wollten dort in erster Linie Narwale fotografieren – die legendären Einhörner der Meere. Aus ihren Maul ragt ein bis zu 2 Meter langer Eckzahn des Oberkiefers. Unglaublich. Es sind sagenumwobene Tiere. Es war ein Lebenstraum von uns allen, einmal diese Tiere zu fotografieren. Erfahrene Inuit Guides brachten uns von Pond Inlet an die Eiskante. Hier schlugen wir unser Basislager auf. Dave Reid von Polar Sea Adventures leitete die ganze Unternehmung. Im Juni scheint die Sonne 24 Stunden vom Himmel (wenn das Wetter mal gut ist). Wir hatten also 24 Stunden Zeit, um an der Eiskante zu fotografieren. Und ich kann sagen, wir nutzten jedes Sekunde. Wir fotografierten Eiderenten, Dickschnalbellummen, Schneegänse, Ringelrobben und und und. An Schlaf war fast nicht zu denken. Irgendwann, mitten in der „Nacht“ kamen sie dann: Narwale. Ein ganzer Trupp näherte sich der Eiskante. Wir waren alle bereit, dann plötzlich Schüsse. Neben uns hatten Inuitjäger ihr Jagdcamp aufgebaut und auch diese Jungs nutzten jetzt ihr Chance. Pech für uns, denn die Narwale waren mit den ersten Schüssen sofort verschwunden. Inuit jagen schon immer Wale.  In der Regel „entnehmen“ sie nur so viele Tiere wie nötig, um das natürliche Gleingewicht nicht zu zerstören. In den letzten Jahren ist jedoch eine Diskussion darüber aufgekommen, ob die Inuit nicht doch zu viele Wale töten. Die Ureinwohner der Arktis nutzen bei der Jagd heute natürlich Schusswaffen, das erhöht den Jagderfog. Leider werden dadurch aber auch viele Tiere nur angeschossen, die dann schwer verletzt untergehen und „ungenutzt“ sterben. Ich finde es schwierig, sich hier auf irgendeine Seite zu schlagen. Ich glaube aber es ist problematisch, den Inuit die Jagd auf die Wale zu verbieten, den die Hauptursache für den Rückgang vieler arktischer Tierarten sind wir Menschen aus den Industrienationen. Unser Lebensstil führt zu den dramatischen Veränderungen in der Arktis unter dem viele Tieraten leiden….auch die Narwale.

Wir mussten damals zähneknirschend akzeptieren, dass wir nur Gäste in dieser weißen Wildnis waren. Also überlegten wir uns ein Alternativprogramm. Wir entschieden uns, mit den Schneemobilen auf Eisbärensuche zu gehen. Und so starteten wir jeden Abend los, raus auf`s Packeis…und suchten Eisbären. Es war gar nicht so einfach, in der weißen Eiswüste, weiße Bären zu finden. Eines Nachts aber klappte es. Unsere Guides sichteten einen großen Bären. Wir versteckten uns hinter ein paar großen Eisschollen und warteten. Der Bär kam immer näher. Er merkte relativ schnell, dass da irgendwas nicht stimmte. Etwa 50 Meter von uns entfernt stellte er sich plötzlich auf seine beiden Hinterbeine und checkte mit seinem wichtigsten Sinnesorgan, seiner feinen Nase, die Lage. Was für ein Anblick. Ein riesiger Bär, stehend, mitten in seinem fantastischen Lebensraum, dem Packeis. Ihr könnte euch vorstellen, wie die Kameras rauchten. Wahnsinn was für ein Erlebnis. Der Bär war nicht wirklich scheu. Er stapfte in etwas 20-30 Meter Entfernung an uns vorbei. Ich habe heute noch Gänsehaut, wenn ich an diese Minuten zurückdenke.

Nach einer Woche verließen wir die Eiskante, diesen magischen Ort mitten im Nirgendwo, wieder. Vor uns lag ein ganzer Tag Fahrt auf weichen, holprigen Packeis. Am Abend erreichten wir Pond Inlet, genoßen eine warme Dusche und freuten uns schon alle wieder…auf neue Abenteuer in der Arktis.

Das Leben ist schön!

Bleibt`s gsund!

Bernd Römmelt im März 2020!